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Matthias Flügge, 2007 (in Katalogheft zur Ausstellung "m.y.a.", Guardini Galerie, Berlin)

 

Anja Billing malt Bilder, auf denen etwas zu sehen ist oder etwas geschieht. Daran arbeiten zur Zeit wieder viele Maler und man sagt, das habe damit zu tun, dass die Bildwelten der Medien, die uns in ihrer bedrückenden Eindeutigkeit umgeben, gleichsam nach einer Befreiung im Künstlerischen drängen. 

Deshalb hätten die Maler über die Form- und Farbstrukturen des Digitalen wieder Verbindung zum Mythos und zu den erfundenen Realitäten aufgenommen, die hinter ihm stehen. 

Doch die Malerei, in diesem Blickwinkel betrachtet, wäre ein ärmliches Surrogat. Und manchmal ist sie das auch, zuweilen auch sehr erfolgreich. Immerhin braucht der Markt gegenständlich handelbare Werke, Ideen allein machen nicht satt. Solche Engführungen des Denkens über Bilder zeugen allerdings vom Vergessen anthropologischer Konstanten. 

Daß die Malerei wieder als eine autonome künstlerische Ausdrucksform gesehen wird, hängt wohl eher damit zusammen, daß die Menschen seit jeher Bilder sehen wollen, die sie mit sich selbst und ihrer Geschichte in einen Zusammenhang setzen können und daß die Kunst, die lange Zeit zur sozialen Praxis verallgemeinert wurde, wieder in hohem Maße als individuelles Phänomen wahrgenommen wird. Atavismen des Bildnerischen drängen herauf und mit ihnen lange verloren geglaubte Genie- und Kultbilder der Vormoderne. 

Anja Billing weiß das alles genau, sie zitiert die Vorstellungsbilder der piktorialen Wende und lotet sie in Variationen aus. Sie steht im Zentrum der Wiederkehr des Malerischen, die von ihrer Generation vorangebracht wurde. 

Aber das Besondere ist, daß sie diese Zeit- und Kunstsituation zu ihrem eigenen Thema gemacht hat: die Erinnerung, ihr zyklisches Verschwinden und Erscheinen, die Nähe und die Ferne von Zeit und Leben. Sie malt Bilder aus der Distanz, Bilder in Bildern, Bilder von Bildern, die wir unauslöschlich in uns bewahren, höchst subtile Archaismen, Häuser, Hütten, Höhlen, in sich versunkene Figuren, Feuer, Tänze, Prozessionen, Landschaften, Gewächse, Meere und Himmel. Sie überbrücken die Zeit, kommen von weither und sind ganz gegenwärtig. Mya - million years ago - die Maßeinheit der Erdzeitalter, ist in ihrer Unermesslichkeit eine relative Größe. Das bricht die offenbare Ironie des Ausstellungstitels. Denn dieses Maß bestimmt sich an der Gegenwart, ist eine Zeitmessung, die nichts Absolutes hat, sondern von heute aus gültig ist, von jedem Heute - auch wenn der einzelne Tag in den Äonen scheinbar nicht zählt. Doch die Bilder sprechen eine andere Sprache, sie sind da, sie sind im Jetzt. Die ersten Häuser können die letzten sein, die Landschaften zeigen aus der Zeit gefallene Zonen, die Philosophen sind Homunkuli des Wissens in fremder Natur. Sie haben die Welt verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu bewohnen. 

Anja Billings Bilder gewinnen ihre Kraft aus ihrer koloristischen Unbedingtheit. Sie malt in den Spätzeitfarben symbolistischer Ästhetik die säkulare Endlichkeit. Und das mit äußerster Finesse. Zuweilen alchimistisch aufeinander reagierend, organisch verschlungen, zeichenhaft, komplementär kontrastiert, dann wieder auf großen, vibrierenden Flächen das Motiv zum Vorschein bringend in fast schon ornamentaler Struktur. Zuletzt ist die Erzählung dieser Bilder allein ein Werk der Farben. Ganz und gar Malerei, in der das Auge den Gedanken zeugt.

Unberechenbarer Überschuss, Katrin Bettina Müller, 2003

 

Im Moment des Schocks, so sagt man, zieht das Leben wie ein Film vorüber. Für einige Augenblicke bricht dann die Zeit auseinander und innere und äußere Wahrnehmung laufen in verschiedenen Geschwindigkeiten nebeneinander her. 

Die Bilder, die von außen kommen, verlangsamen sich, im Inneren setzt dagegen eine Beschleunigung an und drängt das Leben zusammen. Der Rhythmus ist asynchron geworden.

In den Bildern von Anja Billing finden solche Momente der Verschiebung allein in der Farbe statt. Etwas bewegt sich rasend schnell, in formverschleifenden Schlingen und Kringeln pulst Energie; und etwas zweites dagegen dehnt sich sehr langsam aus, fließt träge dahin, fast bis zum Stillstand. Abstrakt in dem Sinne, dass sie nichts Gegenständliches darstellen und keinen Referenten außerhalb der Malerei bezeichnen, sind meistens beide Ebenen. Aber dennoch verhalten sie sich zueinander wie Motiv und Grund, Figur und Raum.

Schwere und Leichtigkeit, offene und besetzte Zonen, Geschwindigkeit und Trägheit, Beschleunigung und Verlangsamung, Dichte und Durchlässigkeit, fließende Bänder und schwebende Strukturen, nach vorne kommen und zurücktreten, Druck machen und locker lassen, aufsteigen und fallen, verwirrt werden und ordnen, etwas überblicken können und von etwas geblendet werden, sich in verschwenderischem Überfluss aalen und mit etwas knapp gehalten werden: All dies sind kontrastierende Zustände und Befindlichkeiten, von denen die Bilder von Anja Billing widerhallen. Ihre Herkunft aber speist sich aus doppelten Quellen.

Denn zum einen stammen diese Empfindungen und Bewegungen aus der Welt der körperlichen Erfahrungen und des sozialen Verhaltens; mit ihnen ließe sich beschreiben, wie man einen Raum betritt, einen Tag anfängt, in einer Stadt ankommt, einer Gruppe begegnet, Position bezieht, Beziehungen eingeht. 

Zum anderen sind es Prozesse, die sich im Akt des Malens selbst entwickeln. Sie sind nicht auf einen Plan zurückzuführen, der dem Bild vorausgegangen wäre, wie etwa das Vorhaben für dieses oder jenes Gefühl einen Ausdruck zu suchen. 

Aber im Moment ihrer Entstehung auf dem Bildgrund docken durch die Augen und Hände der Malerin Erinnerungen daran an, die in ihrem Gedächtnis und Körper gespeichert sind. 

Die Bilder brauchen Zeit. Sie brauchen Zeit für ihre Entstehung, das ist klar, aber vor allem auch Zeit, um gesehen zu werden; um den Augen einen Weg über die Fläche zu bahnen, um Verhältnisse wahrzunehmen, um in die Tiefe zu dringen und wieder aufzutauchen, um zwischen den Bildern Beziehungen zu finden, um im Vergleich die verschiedenen Spannungen, Temperaturen, Intensitäten zu spüren. Denn erst im Sehen selbst stellt sich allmählich das Vermögen her, ihre Differenzierungen zu erkennen...."